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Plädoyer für den Handel in belebten Innenstädten
Christian Klotz lobt Südtirol und warnt vor „österreichischen Verhältnissen“

Auszug aus 'Südtiroler Wirtschaftszeitung'.

Der Einzelhandel gehört in die Innenstädte, die lebendig und mit dem Auto gut erreichbar sein müssen. Das Referat von Christian Klotz beim 2. Unternehmerforum in Bruneck war ein leidenschaftliches Plädoyer für das „Südtiroler System“.

Im Mittelpunkt der Veranstaltung zum Thema „Einzelhandel – quo vadis?“ am vergangenen Samstag stand die Frage, ob es einen beachtlichen Abfluss von Kaufkraft aus Südtirol gibt und ob dieser durch die Errichtung von Einkaufszentren in Gewerbegebieten abgestellt werden kann. Dieses Thema spaltet derzeit die Öffentlichkeit in zwei Lager. Auf der einen Seite stehen die Befürworter einer Liberalisierung unserer Raumordnung, die Einzelhandel mit gewissen Ausnahmen auf die Wohngebiete beschränkt; sie erwarten sich von einer Öffnung günstigere Preise und gehen davon aus, dass Einkaufszentren mit großen Parkplätzen an verkehrsgünstig gelegenen Orten den Wünschen der Verbraucher auch in puncto Auswahl und Erreichbarkeit entgegenkommen. Auf der anderen Seite stehen die Verteidiger der bestehenden Gesetze; sie befürchten, dass große Einzelhandelsstrukturen am Stadtrand dazu führen, dass viele Geschäfte in den Ortszentren schließen und die Nahversorgung nicht mehr gewährleistet ist, so dass in der Folge auch die Gastronomie leidet und letztendlich die Zentren veröden. Beide Seiten mutmaßen, dass manche Leute im jeweils anderen Lager ganz persönliche Interessen verfolgen, nämlich die Vermietung ihrer Spekulationsbauten auf der einen und den Schutz der eigenen Geschäfte vor der Konkurrenz preisgünstiger und kundengerechter Angebotsgruppen auf der anderen Seite. Landesrat Hans Berger sagte zu den diesbezüglichen Plänen der Landesregierung, es gelte, aus einer Gesamtschau der Sachlage zu prüfen, was tragbar und vertretbar ist. Übrigens: Josef Rottensteiner, der Direktor der Bozner Handelskammer, kündigte beim Forum eine Kaufkraftflussstudie an, die zeigen soll, wie viel Geld ab- und wie viel zufließt – und warum dies so ist.

Das 2. Unternehmerforum konnte den beinahe ideologischen Meinungsstreit nicht entscheiden. Im Raum steht nach dieser Veranstaltung die Auffassung eines großen Teils der Teilnehmer, dass Einzelhandel in die Städte gehört, dass aber die Städte nicht zu Tode beruhigt werden dürfen: Die Zentren können äußerst attraktive Einkaufszentren werden oder bleiben, wenn sie lebendig und gut mit dem Auto erreichbar sind (Bus und Bahn sind wegen des notwendigen Warentransports keine wirkliche Alternative).

Der Kaufmann, Berater und Stadtrat Christian Klotz aus Bad Reichenhall nannte eine ganze Reihe von Gründen, wieso Einzelhandel auf großen Flächen vor den Städten und ein Überhandnehmen der Discounter volkswirtschaftlich schädlich sind. Ketten wie Aldi geben seinen Angaben zufolge nur zwei Prozent des Umsatzes für Personal aus, im traditionellen Fachgeschäft sind es 28 Prozent. Die einen setzen pro Mitarbeiter 1,5 Millionen um, die anderen 150.000 Euro. Die Folge: Im Handel werden massiv Arbeitsplätze abgebaut. Weiter: Von den Umsätzen der Discounter bleiben nur fünf Prozent im regionalen Wirtschaftskreislauf, im traditionellen Einzelhandel sind es aber 40 Prozent. Das stärkt die lokale Wirtschaftskraft. Als katastrophal bezeichnete Klotz die Entwicklung in Österreich, wo es so gut wie keine raumordnerischen Beschränkungen gebe, mit dem Ergebnis, dass etwa vor den Toren von Salzburg 270.000 Quadratmeter Einkaufszentren errichtet wurden oder noch errichtet werden. In der Stadt stehen deshalb bereits 195 Geschäfte leer, das Angebot schrumpft, worunter auch der Tourismus leidet. Der Marktplatz von Hallein gleiche schon einem Geisterort: kein Geschäft mehr, kein Gastlokal, sogar Wohnungen stehen leer, nur das Rathaus sei noch in Betrieb. „Billig kann nicht das einzige Kriterium sein, denn nur wo ehrliche Preise gezahlt werden, kann auch die Landwirtschaft, können die Hersteller leben“, sagte Klotz. Der Kampf um Tiefstpreise habe schon dazu geführt, dass die Metro-Gruppe zwar Umsätze macht, die an den Haushalt ganzer Staaten erinnern, aber etwa in Deutschland keinen Gewinn mehr erwirtschaften. Er appellierte an die Verantwortlichen in Südtirol, sich durch die Debatte um den Einzelhandel in Gewerbegebieten nicht irre machen zu lassen, sondern an ihrem bewährten System festzuhalten, das eine große Vielfalt gewährleistet, die Nahversorgung sichert und ein gesundes Wirtschaften ermöglicht. Den Gewerkschaften warf er vor, für eine Liberalisierung einzutreten, weil sie sich erwarten, in Großbetrieben von Ketten mehr Mitglieder rekrutieren zu können als in kleinen und mittleren Familienunternehmen.

Allerdings wies Klotz auch darauf hin, dass der Einzelhandel in der Stadt nur dann erfolgreich sein kann, wenn er den Kunden gerecht wird. „Jede zusätzlich verkehrsberuhigte Straße in den Zentren, jeder Strafzettel wegen Falschparkens ist ein Teilsieg für jene, die Geschäfte in den Gewerbegebieten und auf der grünen Wiese wollen“, sagte er (siehe dazu auch beigestellten Kasten). In die gleiche Kerbe schlug Landesrat Berger: „Wenn Verkehrsberuhigung durch die Gemeinden so erfolgt, wie sie teilweise vorgenommen worden ist, dann hat dies Folgen für den Einzelhandel, denn dann wächst der Druck der Verbraucher, Einkaufszentren mit Parkplätzen in Gewerbegebieten zu schaffen.“ Mit anderen Worten: Es gilt, den Spagat zu schaffen zwischen dem Ruhebedürfnis der Bewohner (das mit dem Wohlstand steigt) und dem Wunsch der Konsumenten, die Geschäfte bequem und schnell zu erreichen - und zwar mit dem Auto, denn öffentliche Verkehrsmittel werden zum Einkaufen kaum genutzt, wie alle Untersuchungen zeigen, weil es umständlich ist, größere Warenmengen mit ihnen zu befördern.

November 2005 - ohne Gewähr
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